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Würde der Tag wieder genau so anfangen wie der Tag gestern? Wie alle Tage? Die Prinzessin blinzelte ins Dunkel von Malte Montolos Laden, ein Schimmer Morgensonne streifte durch eine Türritze zu ihr herein, und sie verwünschte auf einmal den Puppenmacher, der - sie hörte ihn schon die Hintertreppe herunterkommen - der nun gleich die Ladentüre aufstoßen und "Guck mal, wie schön die Welt ist, Prinzesschen!" brummen würde, denn das tat er jeden Morgen. Und der im gleichen Augenblick, weil ihm das Licht des neuen Tages wie ein Stich in die Augen ging, einen Buckel machen, sich auf dem Schuh herumdrehen und eilig davontrotten würde auf Nimmerwiedersehen bis zum Abend. Wie oft hatte die Prinzessin schon zu ihm gesagt: "Warum machst du mir keine Beine, damit ich mir die Welt ansehen kann!" - "Weil du dann nicht zurückkommst!" war jedes Mal die Antwort gewesen.

Und so fing dieser Tag an wie alle Tage, und so guckte die Prinzessin Tag um Tag zur Ladentür hinaus auf eine Mauerwand, hinter der vielleicht eine Stadt lag, die sie aber noch nie gesehen hatte, niemals war jemand aus dieser Stadt auf einen Sprung vorbeigekommen, und so zählte sie die Steine in der Mauerwand jeden Tag, und jeder Stein sah aus wie der andere, und das Leben einer Prinzessin, so dachte sie jeden Tag und auch an diesem Morgen, es war einfach nicht zum Aushalten. "Guck mal, wie schön die Welt ist, Prinzesschen!" Malte Montolo - da hatte er es gerade gebrummt, und im gleichen Augenblick war er abgedreht und schlurfte nun zurück ins Dämmergrau des hinteren Ladens. Die Prinzessin war wieder allein. Einen endlosen Seufzer lang.

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Sasana  (c) Marion Reckow-Memmert

Das 1. Kapitel der Sasana-Geschichte als mp3-Datei
in der Interpretation des Autors  >>> hier

Aber plötzlich schwirrte ein Vogel zur Ladentüre herein, flog eine schnelle Schleife, hockte sich auf den Holzfußboden und zwinkerte zur Prinzessin hoch. Ein grüner Vogel. Klein und grün. "Dir ist langweilig!" sagte der Vogel. - "Und wie!" entgegnete die Prinzessin. - "Wie heißt du?" - "Sasana." - "Warum hast du keine Beine?" erkundigte sich der Vogel. - "Er hat mir keine gemacht", antwortete die Prinzessin. - "Warum ist dir langweilig?" wollte der Vogel wissen. Die Prinzessin seufzte wieder: "Weil ich nicht weiß, wie es in der Welt aussieht." - "Ich weiß es", trumpfte der Vogel auf. - "Erzählst du es mir?" - Der Vogel wackelte mit dem Kopf, pickte nach einem Holzsplitter im Fußboden, guckte wieder zur Prinzessin hoch und sagte: "Alles, was ich weiß, vergesse ich. Ich kann es nicht lange im Kopf festhalten." - "Wie lange denn?" - "Was ich heute gesehen habe, weiß ich noch." - "Und? Was hast du gesehen?" - "Dich", antwortete der Vogel. "Du bist größer als ich!" - Die Prinzessin lachte: "Und was hast du sonst noch gesehen?" - "Du guckst mich an!" - "Und weiter?" - "Ich weiß es nicht mehr." - "Schade." - "Hier ist es wirklich langweilig", sagte der Vogel, "ich muss jetzt fort." - "Wenn du die Welt für mich anschauen würdest", rief ihm die Prinzessin hinterher, "und heute Abend, ehe Malte Montolo die Ladentür schließt, kommst du zurück und erzählst mir alles von der Welt, dann ..." - "Was dann?" - "O, dann", versprach die Prinzessin eilig, "könnte ich alles, was du mir erzählst, in meinem Kopf festhalten. Für uns beide." - "Das kannst du?" Der Vogel flatterte in einer schnellen Schleife zurück. "Mal sehen!", sagte er und schoss in den Morgen hinaus.

(c) Peter Welk

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